Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass ich mit Leuten darüber ins Gespräch gekommen bin, wie weit es denn überhaupt legitim sei, von Gott ein Bild zu machen. Diese Diskussion entstand meistens dann, wenn Gott in einem Film, in einem Theater oder auf einem Bild dargestellt wurde, - oder werden sollte. "Gott verbietet uns das doch in den Zehn Geboten", ist dann meistens das treffendste Argument. Und daran ist ja - mindestens in gläubigen Kreisen - nicht zu rütteln. Doch was steht denn da genau in diesem zweiten Gebot? Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist.
Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen.
Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten Generation von denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist an Tausenden von Generationen von denen, die mich lieben und meine Gebote halten. (2.Mose 20,4-6 ELB)
In dem Text kommen zwei Begriffe vor, die hier mit "Götterbild" und "Abbild" übersetzt werden. der erste (hebräisch päsäl) bezeichnet ein aus Holz oder Stein gehauenes Götzenbild. Der zweite (temunah) beschreibt eine künstlerisch geschaffene Figur, die etwas darstellt; zum Beispiel ein Götterwesen, oder aber auch, wie in unserem Bibeltext, etwas von dem, was im Himmel, auf der Erde oder unter der Erde existiert. Bei diesen Begriffen geht es zunächst überhaupt nicht darum, von Gott selbst (also dem Gott Israels, Elohim, JHWH...) eine Abbildung zu machen, sondern um die Anfertigung von Götterbildern, die, wie der nächste Vers zeigt, angebetet und verehrt werden sollen. Dies sagt schon das erste Gebot sehr deutlich aus ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben"). doch in diesem zweiten Gebot wird es noch viel deutlicher und konkreter auf den Punkt gebracht. Nämlich in der Tatsache, dass wir Menschen in der Lage sind, uns selber unsere eigenen Götter zu schaffen. Sie schauen gut aus, sind in künstlerischer Vollendung hergestellt, und sie schaffen es sogar, dass wir bereit sind, sie anzubeten und ihnen zu dienen. Wer dies tut bekommt Gottes Eifersucht zu spüren, und das wird sich über Generationen hinweg auswirken. Ich glaube, dies ist eines der wichtigsten Gebote, besonders auch deswegen, weil uns hier die Konsequenzen so deutlich und brisant vor Augen stehen. Es ist wichtig, herauszufinden, wo wir in der Gefahr stehen, uns unsere Götzenbilder herzustellen. Und wir müssen uns von ihnen abwenden.
Doch nun zur ursprünglichen Frage: Wie sieht es aus, mit unserem eigenen Gottesbild (man bemerke den feinen Unterschied zu "Götterbild")? Dürfen wir das ganz und gar nicht tun? Liegen die in 2 Mose 20,6 beschriebenen Konsequenzen automatisch auf jedem, der sich wagt, Gott in einem Film, in einem Theaterspiel oder auf einem Bild kreativ darzustellen? Zwei wesentliche Punkte sprechen meiner Meinung nach dagegen:
1. Es steht so nicht im Text der zehn Gebote. Es ist nicht die Rede davon, dass Gott abgebildet werden soll, sondern dass Bilder gemacht werden, die als Götzen verehrt und angebetet werden. Dieses Tatmotiv ist das Kriterium, und nicht das Objekt, das abgebildet wird.
2. Noch wichtiger finde ich aber das Argument, dass die Bibel voll ist von Bildern, die Gott beschreiben. Sogar in den zehn Geboten stellt sich Gott vor, als der, "der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe." (2 Mose 20,2). Als Jesus seinen Jüngern das Beten beibrachte, schlug er ihnen vor sich Gott als einen Vater vorzustellen, zu dem sie reden können (Matthäus 6,5-13). Gott wird auch beschrieben als Richter, als Fels, als Schöpfer, als Mensch und als vieles anderes.
Wir Menschen versuchen uns mit Hilfe dieser Bilder vorzustellen, wie Gott ist, obwohl wir selber wissen, dass es unmöglich ist, Gottes Wesen umfassend zu begreifen. Würde Gott uns dies in den zehn Geboten verbieten, wären wir hoffnungslos überfordert. Es gäbe für uns keine Möglichkeit, mit Gott in eine Beziehung zu treten, weil er dadurch völlig unzugänglich wäre. Gott fordert uns aber in diesen beiden ersten Geboten gerade dazu auf, ihn anzubeten und ihm zu dienen. Doch dies können wir nur tun, wenn wir eine klare Vorstellung von Gott als Gegenüber haben.
Natürlich müssen wir dabei trotzdem vorsichtig sein. Es geschieht leicht, dass wir von Gott eine einseitige Vorstellung haben. Die Beziehung zu ihm kann nur dann lebendig bleiben, wenn wir Gott immer wieder von einer neuen Seite kennen lernen. Unser Bild darf sich unser Leben lang erweitern. Wir können dadurch laufend neue Wege und Möglichkeiten finden, wie wir Gott anbeten und dienen können. Warum sollen uns nicht gerade auch künstlerische Darstellungen dabei helfen, Gottes Wesen auf eine neue Art zu entdecken? Nur wenn wir solche Objekte zu Götzen machen, die unser Leben bestimmen, und wir ihnen mehr Beachtung schenken als der Anbetung von Gott selbst, dann entspricht unser Leben und Handeln nicht dem, was Gott für uns in den zehn Geboten vorgesehen hat. Doch mir scheint, dass dies weit seltener geschieht, als dass uns andere Dinge zu Götzen werden, die eigentlich gar keine Ähnlichkeit mit Gott haben, und trotzdem immer wieder seinen Thron zu erklimmen versuchen. Diese müssen wir radikal aus unserem Leben entfernen. so dass der Platz wieder frei wird für die Anbetung des wahren Gottes.
Gott verbietet uns nicht, dass wir uns praktische Vorstellungen und Bilder machen von seinem Wesen und von der Art seines Wirkens. Dieses Verständnis des zweiten Gebots greift wesentlich zu kurz, und wer den Text genau liest muss sagen, dass man ihn so sogar völlig missversteht. Es geht hier nicht darum, Gott selbst darzustellen, sondern um die von Menschenhand geschaffenen Götter, die mit Gott selbst überhaupt nichts zu tun haben.
Soll Gott in einem künstlerischen Werk dargestellt werden, dann muss das sicher sehr behutsam angegangen werden. Es ist der ganz persönliche Ausdruck von der Vorstellung, die der Künstler von Gott hat. Er teilt diese seinem Publikum mit, im Wissen, dass es nur einen ganz kleinen Punkt davon beleuchtet, wie Gott wirklich ist. Eine wunderbare Möglichkeit, eine ganz neue Sicht von Gott kennen zu lernen.